Der Bundesverband Solarwirtschaft hat im September 2026 vorgerechnet, was die Photovoltaik am Strommarkt einspart — mehr, als sie an EEG-Förderung kostet. Für Biogas hat das bisher niemand gerechnet. Diese Auswertung holt es nach, mit derselben Grundlogik, aber offengelegtem Rechenweg: Wie hätte sich der Börsenstrompreis 2025 entwickelt, wenn es keine Biogasanlagen gegeben hätte? Das Ergebnis fällt anders aus als bei der Photovoltaik, und zwar aus einem Grund, der in der ganzen Debatte um die Kosten der Biogas-Förderung fehlt: Biogas dämpft den Preis dann, wenn Strom knapp ist.
Die Debatte über Biogas dreht sich um die Förderkosten. Die andere Seite der Bilanz fehlt.
Am 2. September 2026 veröffentlichte der Bundesverband Solarwirtschaft eine Untersuchung des Beratungshauses Enervis: Photovoltaikanlagen haben die Strombeschaffungskosten in Deutschland 2025 um rund 15,7 Milliarden Euro gesenkt — mehr als die 10,9 Milliarden Euro, die im selben Jahr an EEG-Förderung für Photovoltaik anfielen. Ohne Solarstrom, so die Rechnung, hätte der Börsenstrompreis rund 20 Prozent höher gelegen.
Die Logik dahinter ist der Merit-Order-Effekt. Am Day-Ahead-Markt bestimmt das teuerste noch benötigte Kraftwerk den Preis für alle. Erneuerbare Erzeugung hat praktisch keine Brennstoffkosten und schiebt sich an den Anfang der Angebotskurve. Jede zusätzliche Kilowattstunde daraus verdrängt ein teureres Kraftwerk aus dem Markt — und senkt damit den Preis nicht nur für sich selbst, sondern für jede in dieser Stunde gehandelte Kilowattstunde.
Für die Biogas-Branche existiert diese Rechnung nicht. Das ist bemerkenswert, denn Biogas steht im Ruf, die teuerste erneuerbare Erzeugung zu sein: rund 3,5 Milliarden Euro EEG-Förderung im Jahr für einen Anteil von etwa sieben Prozent an der Erzeugung aus erneuerbaren Energien. In jeder Novelle steht die Anschlussförderung erneut zur Disposition. Diskutiert wird dabei immer nur die eine Seite der Bilanz.
Diese Auswertung rechnet die andere Seite nach. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Biogas seine Förderkosten allein über die Preisdämpfung am Großhandelsmarkt deckt — und dass die Photovoltaik das nach derselben Rechnung nicht tut. Der Grund liegt nicht in der Menge, sondern im Zeitpunkt.
Enervis rechnet mit einem europäischen Fundamentalmodell. Hier steht ein empirischer Weg, der sich vollständig nachvollziehen lässt.
Grundlage sind alle 8.760 Stunden des Jahres 2025 aus der SMARD-Datenbank der Bundesnetzagentur: Netzlast, Erzeugung je Energieträger, Day-Ahead-Preis für Deutschland/Luxemburg. Die Residuallast ist die Netzlast abzüglich der Einspeisung aus Photovoltaik, Wind an Land und auf See, Wasserkraft, Biomasse und sonstigen erneuerbaren Quellen — also der Teil, den thermische Kraftwerke, Speicher und Importe decken müssen.
Statt einen Kraftwerkspark zu modellieren, wird die Angebotskurve aus dem beobachteten Marktverhalten geschätzt: In 25 Bereichen der Residuallast wird gemessen, um wie viel Euro je Megawattstunde der Preis steigt, wenn die Residuallast um ein Gigawatt zunimmt. Monatsindikatoren im Schätzansatz halten das über das Jahr schwankende Gas- und CO2-Preisniveau heraus.
Fällt die Biogas-Erzeugung weg, steigt die Residuallast in jeder Stunde um genau diese Menge. Der zugehörige Preisanstieg ergibt sich aus dem Verlauf der geschätzten Kurve zwischen altem und neuem Wert. Multipliziert mit der Netzlast dieser Stunde und über das Jahr aufsummiert ergibt das die vermiedenen Beschaffungskosten.
Dieselbe Rechnung, auf die Photovoltaik angewandt, liefert roh einen Preisanstieg von 37,5 Prozent — Enervis kommt mit dem vollen Modell auf 20 Prozent. Der Unterschied ist erwartbar: Ein Fundamentalmodell lässt Importe und Kraftwerke auf den Wegfall reagieren, die empirische Kurve nicht. Alle hier ausgewiesenen Zahlen sind deshalb mit dem Faktor 0,533 kalibriert, der die Photovoltaik-Rechnung auf das veröffentlichte Ergebnis zurückführt.
Der Wegfall der Photovoltaik verschiebt die Residuallast in Spitzenstunden um mehr als 50 Gigawatt — weit über den Bereich hinaus, für den es Beobachtungen gibt. Die Rechnung muss dort extrapolieren, und genau daher rührt die Überschätzung. Biogas erzeugt dagegen ganzjährig zwischen 2,7 und 4,6 Gigawatt. Diese Verschiebung bleibt in einem Bereich, für den das Jahr 2025 tausende beobachtete Stunden bereithält. Was bei der Photovoltaik ein Schwachpunkt des Verfahrens ist, ist bei Biogas seine Stärke.
Der Effekt je erzeugter Megawattstunde liegt über dem der Photovoltaik — bei weniger als der Hälfte der Strommenge.
| Kennzahl | Biogas | Photovoltaik |
|---|---|---|
| Erzeugung 2025 | 31,4 TWh | 73,8 TWh |
| Preisanstieg ohne diesen Träger | +7,89 €/MWh | +17,86 €/MWh |
| in Prozent des Börsenpreises | +8,8 % | +20,0 % |
| höchster Stundeneffekt | 22,0 €/MWh | 120,5 €/MWh |
| vermiedene Beschaffungskosten | 3,82 Mrd. € | 8,76 Mrd. € |
| Wert je erzeugter MWh | 121,6 € | 118,7 € |
| Entlastung Haushalt, 4.000 kWh | 32,77 €/a | 75,21 €/a |
| Entlastung Betrieb, 10 GWh | 81.918 €/a | 188.029 €/a |
Bezugsgröße ist der mengengewichtete Börsenpreis 2025 von 89,32 €/MWh bei 465,8 TWh Netzlast. „Biogas“ meint hier die gasförmige Biomasse, also Vor-Ort-Verstromung und Biomethan-Verstromung zusammen.
Um wie viel Euro je Megawattstunde der Börsenpreis in diesem Monat höher gelegen hätte, wenn es den jeweiligen Träger nicht gäbe.
Die Photovoltaik dämpft den Preis im Juni um 28,78 €/MWh und im Dezember um 4,46 €/MWh — sie wirkt dann am stärksten, wenn Strom ohnehin billig ist, und fällt aus, wenn er teuer wird. Biogas liegt das ganze Jahr zwischen 6,27 und 10,62 €/MWh, mit dem Maximum im Februar. Es dämpft den Preis am stärksten im Winter. Genau deshalb ist der Wert je erzeugter Megawattstunde bei Biogas trotz der viel kleineren Menge höher als bei der Photovoltaik.
Nach Residuallast sortiert zeigt sich, was der Jahresdurchschnitt verdeckt.
Alle 8.760 Stunden in zehn gleich große Gruppen nach Residuallast sortiert, von der Überschussstunde links bis zur Knappheitsstunde rechts.
In den zehn Prozent der Stunden mit der höchsten Residuallast — im Mittel 48,2 Gigawatt, das sind die kalten, windstillen Winterabende — hätte der Wegfall von Biogas den Preis um 17,60 €/MWh angehoben. Das ist mehr als das Doppelte des Jahresmittels. Die Photovoltaik kommt in denselben Stunden auf 9,11 €/MWh, weil sie dann kaum liefert.
Umgekehrt in den Überschussstunden mit negativer Residuallast: Dort erreicht die Photovoltaik rechnerisch 57,13 €/MWh. Das ist der größte Einzelwert der ganzen Auswertung — er entsteht aber in Stunden, in denen der Strompreis ohnehin gegen null oder darunter läuft. Preisdämpfung in einer Stunde, die nichts kostet, ist volkswirtschaftlich wenig wert.
Das ist der Kern des Befundes. Der Merit-Order-Effekt einer wetterabhängigen Erzeugung fällt zwangsläufig in die Stunden, in denen diese Erzeugung reichlich vorhanden ist — und in denen der Preis deshalb ohnehin niedrig ist. Das ist derselbe Mechanismus, der die Erlöse der Anlagen selbst drückt und unter dem Namen Kannibalisierungseffekt bekannt ist. Eine steuerbare Erzeugung unterliegt ihm nicht.
Der deutsche Biogaspark hat 6.816 MW installierte Leistung bei 3.316 MW Bemessungsleistung — 3.500 MW Überbauung, gebaut für die bedarfsgerechte Fahrweise. In den Stundendaten des Jahres 2025 schwankt die Einspeisung aber nur zwischen 2,7 und 4,6 Gigawatt. Rechnet man dieselbe Jahresmenge als konstantes Band, sinkt der volkswirtschaftliche Wert nur um 2,5 Prozent je Megawattstunde. Die Flexibilität ist überwiegend bezahlt und gebaut, aber im Markt noch nicht gehoben.
Die 2,5 Prozent sind der volkswirtschaftliche Effekt der Fahrweise auf den Marktpreis — nicht der Erlösvorteil der Anlage. Für den einzelnen Betreiber ist die bedarfsgerechte Fahrweise deutlich mehr wert, weil er seine Erzeugung in die teuren Stunden legt und dafür den vollen Preisunterschied erlöst. Die beiden Größen beantworten verschiedene Fragen und dürfen nicht addiert werden.
Voraussetzung dafür ist eine Zahl, die es öffentlich bisher nicht gab.
Die EEG-Statistik kennt keine Kategorie „Biogas“. Sie führt „Energie aus Biomasse“ — Biogas, Biomethan, Holz und flüssige Biomasse in einer Summe. Für die Gegenüberstellung reicht das nicht: Biogas wird deutlich höher vergütet als ein Holzheizkraftwerk, ein einfacher Mengenschlüssel würde den Biogas-Anteil an der Förderung systematisch zu klein rechnen.
Für diese Auswertung wurden deshalb die EEG-Bewegungsdaten 2024 aller vier Übertragungsnetzbetreiber — 6,8 Millionen Zahlungszeilen — mit dem Marktstammdatenregister verschnitten, das den Energieträger je Anlage führt. Über den EEG-Anlagenschlüssel lässt sich jede Zahlung ihrer Biomasse-Art zuordnen.
Das Ergebnis: Auf gasförmige Biomasse entfallen 94,1 Prozent der Biomasse-Förderung, aber nur rund 87 Prozent der Menge. Der Fördersatz liegt bei 10,70 ct/kWh gegenüber 3,87 ct/kWh für feste Biomasse. Biogas ist innerhalb der Biomasse tatsächlich das teure Segment — die Gegenüberstellung wird mit dieser Zahl also strenger, nicht großzügiger.
| EEG-Biomasse 2024 | Förderung | Menge | Satz |
|---|---|---|---|
| gasförmige Biomasse | 3.358 Mio. € | 31.390 GWh | 10,70 ct |
| feste Biomasse | 200 Mio. € | 5.171 GWh | 3,87 ct |
| flüssige Biomasse | 12 Mio. € | 81 GWh | 14,44 ct |
| nicht zuordenbar | 541 Mio. € | 5.413 GWh | 9,99 ct |
| Summe | 4.110 Mio. € | 42.055 GWh | 9,77 ct |
Der Fördersatz der nicht zuordenbaren Anlagen liegt mit 9,99 ct/kWh nahe an der gasförmigen Biomasse und weit über der festen — diese Zahlungen dürften ganz überwiegend ebenfalls auf Biogasanlagen entfallen, deren Anlagenschlüssel im Register abweicht.
Förderkosten laut EEG-Mittelfristprognose der Übertragungsnetzbetreiber, für Biogas mit dem ermittelten Anteil von 94,1 Prozent angesetzt.
3.816 Mio. Euro vermiedene Beschaffungskosten gegen 3.297 Mio. Euro Förderung. Die Preisdämpfung allein trägt die Förderung — Wärmenutzung, Gärprodukte, gesicherte Leistung und vermiedene Emissionen sind darin noch gar nicht enthalten.
Gegen die höhere Prognose für 2026 von 3.730 Mio. Euro — sie enthält die Anschlussförderung aus dem Biomassepaket — bleibt die Deckung knapp über der Schwelle. Der Abstand ist schmal genug, dass die Aussage von der Förderhöhe abhängt.
8.759 Mio. Euro gegen 10.808 Mio. Euro Förderung. Enervis kommt für die Photovoltaik auf eine Deckung über 100 Prozent, weil dort zusätzlich 2,6 Mrd. Euro Exporterlöse eingerechnet sind. Die hier gezeigten Werte enthalten für keinen Träger Exporterlöse.
Es ist eine Ceteris-paribus-Rechnung. Unterstellt wird ein unveränderter Kraftwerkspark. In einer Welt, in der es Biogas nie gegeben hätte, stünden mehr Gaskraftwerke oder Speicher, und der Preiseffekt fiele kleiner aus. Das gilt für die Enervis-Rechnung zur Photovoltaik genauso und ist dort ausdrücklich vermerkt.
Systemkosten bleiben außen vor. Betrachtet wird ausschließlich die Preisbildung im Stromgroßhandel. Netzausbau, Redispatch und Speicherbedarf sind nicht gegengerechnet — bei Biogas allerdings deutlich geringer als bei wetterabhängiger Erzeugung, weil die Anlagen verbrauchsnah stehen und steuerbar sind.
Die Kalibrierung stützt sich auf eine Pressemitteilung. Die Enervis-Studie ist nur auf Anfrage erhältlich; die Kalibrierung nutzt die veröffentlichten Eckwerte für 2025. Deren Angaben — 20 Prozent höherer Preis und 13,1 Mrd. Euro höhere Beschaffungskosten — sind untereinander nur mit einer anderen Bezugsmenge widerspruchsfrei, als sie hier verwendet wird. Kalibriert wurde auf den Prozentwert, was die konservativere Variante ist: Auf den Geldbetrag kalibriert läge der Biogas-Nutzen bei 5,7 statt 3,8 Milliarden Euro.
Die Förderzahlen sind Prognosen. Die Mittelfristprognosen der Übertragungsnetzbetreiber sind für 2025 und 2026 die aktuellste verfügbare Grundlage; die Ist-Abrechnung für 2025 erscheint erst im September 2026. Der Aufteilungsschlüssel zwischen den Biomasse-Arten stammt dagegen aus abgerechneten Ist-Daten des Jahres 2024.
Keine Rechtsberatung, keine Prognose. Die Auswertung beschreibt das Jahr 2025. Sie sagt nicht voraus, wie sich Preise oder Fördersätze entwickeln.
Die Aussage dieser Auswertung ist nicht, dass Biogas billig wäre. Sie ist, dass die Debatte eine Seite der Bilanz auslässt. Wer die Anschlussförderung für Bestandsanlagen kürzt, spart die Förderkosten — und verliert eine Preisdämpfung, die in derselben Größenordnung liegt und ausgerechnet in den knappen Winterstunden anfällt, in denen der Strompreis am stärksten schwankt. Für Betreiber ist das ein Argument, das in Gesprächen mit Kommunen, Banken und Abnehmern trägt: Der volkswirtschaftliche Wert einer Biogasanlage lässt sich beziffern, und er liegt je erzeugter Megawattstunde über dem einer Photovoltaikanlage.